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Unbezahlt, weiblich ...... Frau mit Handy und Laptop und Kinderwagen

Unbezahlt, weiblich ...

Arbeit ohne Lohn ist in Österreich noch immer Frauensache. Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen oder Haushalt – konkret sind es zwei Drittel der unbezahlten Tätigkeiten, die von Frauen geleistet werden.

Nicht nur ein Armutszeugnis für die soziale und gesellschaftliche Stellung von Frauen, sondern auch ein Ticket in Richtung Überforderung und Armut.

Es ist kaum zu glauben: Für zwei Drittel ihrer Arbeit bekommen Frauen keine Bezahlung. Das geht klar aus der Zeitverwendungsstudie der Statistik Austria und anderen Studien hervor. Ganz konkret: Frauen und Männer unterscheiden sich kaum, was die Gesamtarbeitszeit pro Tag betrifft. Die liegt bei Männern und Frauen bei rund acht Stunden täglich. Allerdings bekommen Männer 73 Prozent ihrer Gesamtarbeitszeit bezahlt, Frauen lediglich 43 Prozent, der Rest ist unbezahlte Arbeit. Während Männer durch geleistete bezahlte Arbeit gesellschaftliche Anerkennung, finanzielle Absicherung und Pensionszeiten erwerben, schaut es bei vielen Frauen – die Teilzeit oder aufgrund der familiären Situation gar nicht beschäftigt sind – recht düster aus. Und das, obwohl sie Tag für Tag den Haushalt meistern, waschen, putzen, kochen, bügeln, einkaufen, den Garten hegen, die Kinder betreuen, Geburtstage und Ausflüge organisieren, die Katze zur Tierärztin bringen und sich um kranke oder pflegebedürftige Angehörige kümmern.

Die langfristig aus unbezahlter Arbeit resultierenden Konsequenzen sind dramatisch: kaum soziale und finanzielle Absicherung durch fehlende Sozialversicherung und fehlende Dienstzeiten, keine oder nur minimale Pensionsansprüche, Abhängigkeit vom Mann und vom Staat. „Leider kommen Frauen oft erst dann zu uns, wenn es in einer Ehe oder Partnerschaft kriselt, wenn eine Trennung bevorsteht und es um die Ansprüche geht“, erzählt Mag. Angelika Heinzl-Handl vom autonomen Frauenzentrum in Linz. Die Frauen fallen aus allen Wolken, wenn sie erfahren, dass sie vor dem Nichts stehen, obwohl sie sich jahre- und jahrzehntelang um alles und jeden in der Familie gekümmert haben. Wer jetzt glaubt, dass Frauen selber schuld sind, weil sie gern die aufopfernde Rolle übernehmen, irrt.

Die Psychotherapeutin Rotraud A. Perner belegt das durch die Ergebnisse ihrer Studie zum Thema Ehrenamt und Salutogenese. Demnach erleben 63 Prozent der Frauen Doppelbelastungen durch Familie und Beruf als sehr belastend und fühlen sich gestresst dadurch, viele Pflichten gleichzeitig zu haben, während Krankheit den Haushalt führen und die Kinder betreuen zu müssen und für vieles in der Familie allein verantwortlich zu sein. Neben den finanziellen und sozialen Konsequenzen drohen daraus auch gesundheitliche Folgen wie Schlafstörungen, psychische Belastungserkrankungen und im schlimmsten Fall sogar Burnout und Herzinfarkt.

Als Erstes wirkt sich die ungleiche Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit aber auf das Einkommen aus. Frauen verdienen laut dem Netzwerk österreichischer Mädchen- und Frauenberatungsstellen in Wien um ein Viertel weniger als Männer. Durch die Hauptverantwortung für Haushalt und Familienarbeit haben sie weniger Zeit für bezahlte Erwerbsarbeit. Im Ruhestand werden sie dann noch einmal abgestraft: Aufgrund der geringeren Beiträge erhalten sie weniger Pension. Die durchschnittliche Frauenpension beträgt nur etwa 60 Prozent der durchschnittlichen Männerpension, konkret sind das aktuell 963 Euro bei Frauen und 1.579 Euro bei Männern.

Unbezahlte Arbeit kann Frauen also nicht nur während der Zeit der Doppelbelastung krank machen, sondern im Alter auch noch arm. „In wirtschaftlichen Krisenzeiten geht die Schere noch weiter auf“, betont das Netzwerk.

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Altersarmut 

Solange Beziehungen intakt sind, sind unbezahlte Arbeit in der Familie und daraus resultierende Nachteile kein großes Thema. Das wird es erst bei Trennungen oder Scheidungen. Ein Großteil der Ehen wird heute einvernehmlich geschieden, was bedeutet, dass es in diesen Fällen keine Unterhaltszahlungen für Frauen gibt. Keine große Sache für bezahlte erwerbstätige Frauen, aber ein Riesenthema für unbezahlt erwerbstätige Frauen. Und zwar deshalb, weil zwar der materielle Besitz aufgeteilt wird, aber nicht die erworbenen Pensionszeiten und schon gar nicht der damit verbundene Anspruch auf Pension. „Für betroffene Frauen bedeutet das, dass sie nach Scheidungen oder Trennungen sehr oft mit Existenzbedrohung konfrontiert sind und Abhängigkeiten steigen. Insgesamt ist Altersarmut gerade heute – wo Frauen sich auch in fortgeschrittenen Lebensjahren immer öfter für ein selbstbestimmtes Leben entscheiden – ein großes gesellschaftliches Thema“, sagt Mag. Angelika Heinzl-Handl.

Eine kleine Chance auf Veränderung sieht Dr. Margit Waid, die Leiterin der Abteilung Gender & Diversity Management an der Linzer Universität, in internationalen Modellen, die Kindererziehung und Haushaltsführung als gleichwertig zur Erwerbsarbeit definieren und Pensionsansprüche und Altersversorgung dementsprechend regulieren. In der Schweiz etwa ist die gesamte Bevölkerung – auch Hausfrauen und Hausmänner – obligatorisch versichert. Das beinhaltet unter anderem eine Grundversorgung. Erziehungs- und Betreuungsgutschriften können einen Rentenanspruch begründen. „Es gibt viele Modelle und Möglichkeiten, aber es liegt an der Gesellschaft, Chancengleichheit und Gleichstellung ernst zu nehmen und umzusetzen. Noch liegt vieles im Argen“, so die Gender-Expertin.

 

Mag. Conny Wernitznig

August 2018

 

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Kommentar

Unbezahlt_Heinzl-Handl_150x150.png „Frauen leisten sehr viel im Unternehmen Familie, darüber herrscht Einigkeit. Leider gibt es dafür aber noch immer keine finanzielle Abgeltung,keinen Ausgleich.“

Mag. Angelika Heinzl-Handl

Rechtsberaterin, autonomes Frauenzentrum, Linz



Bilder: shutterstock, privat

Zuletzt aktualisiert am 06. August 2018