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Mann putzt sich die Zähne mit Zahnbürste

Heiler Zahn

Strahlend weiße Zähne in Reih und Glied – sie gelten als Sympathieträger, soziales Erfolgssignal, Schönheitsideal. Doch auch für Zähne gilt: Wahre Schönheit kommt von innen. Da gilt es, sie von Anfang an möglichst gesund zu erhalten – von der Wurzel bis zur Krone.

Die Zähne prägen unsere Erscheinung und unsere Lebensqualität. Wir brauchen sie beim Sprechen, um Laute wie beispielsweise S, V und Z zu formen. An vorderster Front des Verdauungstraktes müssen sie Nahrung erfassen, zerreißen, zerkleinern und zermalmen.Robust und kraftvoll sind sie, mechanisch extrem belastbar, gleichzeitig aber empfindlich und anspruchsvoll.

Der Zahnschmelz ist die härteste vom Körper erzeugte Substanz, dennoch etwas durchlässig für gewisse Stoffe. Fluorid, wie es Zahnpasten und Mundwässern zugesetzt wird, wirkt härtend im Zahnschmelz, hemmt die Kariesaktivität und fördert die Remineralisation, also die Selbstreparatur, durch den Speichel. Säuren hingegen lösen die Hauptbausteine Kalzium und Phosphat aus dem Schmelz und zerstören ihn so.

Jeder Zahn ist schichtweise aufgebaut. Im gesunden Zahn ist nur der Zahnschmelz der Krone sichtbar. Unter der Schmelzschicht liegt das weichere, elastischere Zahnbein (Dentin), das die größte Zahnmasse darstellt, auf Temperatur- und Berührungsreize reagiert und schmerzempfindlich ist. Das Dentin umhüllt wiederum die Pulpahöhle mit dem darin befindlichen Zahnmark (Pulpa). Dieses ist durchsetzt von feinsten Blutgefäßen und Nervengewebe und versorgt den Zahn mit Nähr- und Sauerstoff. Im Wurzelbereich ist das Dentin von einer dünnen Schicht Wurzelzement umgeben, einer knochenähnlichen Hartsubstanz, die den Zahn im Kiefer beziehungsweise im Zahnfach mit einer feinen Bindegewebsschicht elastisch verankert. Feinsten Nervenausläufern an der Wurzel verdanken wir die Schmerzhaftigkeit freiliegender Zahnhälse. Solange ein Zahn nur auf Kälte reagiert, lebt er noch, erklärt der Linzer Facharzt für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, OMR Dr. Hans Schrangl. Wärmeempfindlichkeit rührt von einem Hohlraum an der Wurzelspitze her, einer Form der Kieferzyste, die sich durch Wärme ausdehnt und bedeuten kann, dass der Zahn infiziert oder schon abgestorben ist. Schneller Wechsel von heiß auf kalt mag bei gesunden Zähnen beschwerdefrei sein, kann aber im Zahnschmelz Sprünge hinterlassen.

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Frühe Zahnentwicklung

Bereits im zweiten Schwangerschaftsmonat bilden sich die sogenannten Zahnleisten. Aus ihnen entstehen winzige Knospen, die Keimanlagen für die 20 Milchzähne. Im vierten Monat beginnt die Mineralisierung, die Bildung des Zahnschmelzes.  Ab der 20. Schwangerschaftswoche werden die bleibenden Zähne angelegt, mineralisiert aber erst im ersten Lebensjahr. Zum Geburtszeitpunkt liegen die vier Milchschneidezähne fast fertig im Kiefer. Rund um den 6. Lebensmonat brechen die ersten Milchzähne durch das Zahnfleisch, mit durchschnittlich zweieinhalb Jahren ist das Milchgebiss komplett.

Der mütterliche Organismus ist die einzige Quelle an Nähr- und Baustoffen für das Ungeborene und seine Zähne. Umso wichtiger ist, dass die Schwangere mit ausgewogener Ernährung ausreichend Eiweiß und Vitamine sowie Spurenelemente und Mineralien wie Kalzium, Eisen, Phosphor und Fluorid zu sich nimmt. Besorgt beobachten Zahnmediziner immer öfter Mineralisationsstörungen der Milchzähne. Obwohl zunächst zwar noch kariesfrei, erscheinen sie gelblich-braun verfärbt, sind extrem weich und zerbröseln regelrecht. Häufig betroffen sind auch die im sechsten Lebensjahr durchbrechenden ersten bleibenden Backenzähne. Als Urheber werden etwa Infektionskrankheiten im frühen Kindesalter, Antibiotikaeinnahme oder Mangelernährung während der Schwangerschaft vermutet. Eine ausreichende Erklärung für das Phänomen gibt es allerdings noch nicht. Stillen kräftigt die Mund- und Kiefermuskulatur, weil es um ein Vielfaches mühevoller ist als das Trinken aus der Flasche. Gestillte Säuglinge neigen auch weniger zum Daumenlutschen und davon verursachten Zahnfehlstellungen. Gaumenfreundliche Schnuller und Mundplatten erleichtern das Entwöhnen.

kleines Mädchen putzt sich die Zähne mit einer Zahnbürste

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Wertvolles Milchgebiss

Die Milchzähne sind wichtige Platzhalter, die den nachwachsenden bleibenden Zähnen das Einordnen in die Zahnreihe erleichtern sollen. Vorzeitiger Zahnverlust im Milchgebiss kann aufwändige Kieferregulierungen notwendig machen. Kariesbefall an den Milchzähnen macht auch vor den bleibenden nicht Halt. Altersgerechte Vorsorge beginnt mit zahngesunder Ernährung. Gesüßte Kindertees, schlimmstenfalls auch noch als Einschlafhilfe, und sonstige allgegenwärtige Naschereien gehören nicht dazu. Sie schaffen in der Mundhöhle ein Säuremilieu, dem kein Zahnschmelz auf Dauer gewachsen ist. Ist er erst einmal demineralisiert, kann er nicht mehr repariert oder erneuert werden. Für Karies- und Entzündungsbakterien ist das feuchtwarme saure Mundklima hingegen ein Paradies. Die Gewohnheit vieler Eltern, Löffel oder Schnuller des Kindes abzuschlecken und dem Kind in den Mund zu schieben, ist ein schneller Übertragungsweg – nicht nur – für zahnfeindliche Bakterien. Karies ist eine Infektionskrankheit. Kariesbakterien verstoffwechseln Zucker und Stärke zu Säuren, die Zahn um Zahn zerstören. Sie produzieren außerdem Entzündungs-lockstoffe, welche die eher oberflächliche Schleimhautentzündung Gingivitis hervorrufen. Sie sind auch die Ursache für Parodontitis. Diese tiefergehende Entzündung des Zahnfleisches führt schleichend zum Zahnverlust, weil der erkrankte Zahnhalteapparat keinen ausreichenden Halt mehr bietet.

Mangelnde frühe Zahnhygiene stellt die Weichen für das Zahnschicksal des Kindes – ein vernachlässigtes Milchgebiss ist Wegbereiter für lebenslange Zahnprobleme. Richtiges und regelmäßiges Putzen lernen die Kleinen am besten spielerisch mit kindgerechten Zahnbürsten und speziell auf Kinder abgestimmten Zahnpasten. Für die sorgsame Zahnreinigung sind die Eltern nicht nur Vorbilder, sondern auch verantwortlich, bis das Kind diese Aufgabe selbständig übernehmen kann.

Zahnärztin untersucht Gebiss eines Patienten

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Auch Große fürchten sich

Die zarten Milchzähne sind eine zahnärztliche Herausforderung, weil der Nerv dichter unter dem Schmelz liegt als bei den bleibenden Zähnen. „Außerdem braucht man bei Kindern noch mehr psychologisches Feingefühl als bei Erwachsenen. Gerade beim ersten Kennenlernen möchte man beim Patienten einen guten Eindruck hinterlassen“, gesteht Dr. Schrangl. „Am besten bringt man das Kind also quasi auf eine Probefahrt auf dem Behandlungsstuhl mit, wenn noch gar keine Probleme bestehen.“ So schafft man am ehesten Vertrauen für später tatsächlich notwendige Behandlungen. Wenn keine Auffälligkeiten bestehen, genügt ein erster Zahnarzttermin etwa um den zweiten Geburtstag herum.

Für die Angst vorm Zahnarzt, dem Ausgeliefertsein, oft begründet durch schlechte Erfahrungen oder Berichte, muss sich niemand schämen. Der verständnisvolle Zahnarzt wird sich für Angstpatienten extra Zeit nehmen. Für ganz schwere Angstzustände gibt es Angebote von Hypnose, Suggestion und Verhaltenstherapien. Zum Trost: Im Mittelalter waren es immerhin Gaukler, Hufschmiede und zunftmäßige Zahnbrecher, die sich der Zahnschmerzgeplagten wenig zimperlich annahmen.

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Ultraschall

Wer glaubt, aus Veranlagung kariesanfällige Zähne zu besitzen, hat umso mehr Grund, aus der täglichen Zahnpflege quasi ein Fitnessprogramm für die Zähne zu entwickeln. Warum bis zum Bettgehen warten mit dem Zähneputzen, wenn die Müdigkeit drängt? Lieber schon vorher Zeit nehmen, jeweils mindestens zwei Minuten für Ober- und Unterkiefer, danach nur noch Wasser als Betthupferl. Unter den elektrischen Zahnbürsten werden die Ultraschallmodelle von vielen Studien empfohlen. Weiche Handzahnbürsten sind empfehlenswerter als harte, weil sie das Zahnfleisch sanft massieren und den Zahnschmelz schonen, während bei richtiger Putztechnik der Reinigungseffekt der Gleiche ist. Sanft andrücken im Winkel von 45 Grad, in kleinen kreisenden Bewegungen von Rot nach Weiß streichen, so erwischt man auch Ablagerungen am Zahnfleischrand. Die höckrigen Kauflächen der Backenzähne, Merkmal unserer Säugetiereigenschaft als Allesfresser, dürfen flach gebürstet werden. Widersprüchlich diskutiert wird hin und wieder die Notwendigkeit von Zahnseide. „Bei engen Zahnzwischenräumen halte ich sie für unverzichtbar“, betont OMR Dr. Schrangl. Bei Brückenpfeilern hilft eine Einfädelschlinge beim Einziehen. Für größere Zahnzwischenräume sind Interdentalbürstchen gut geeignet. Ziel bei jedem Zähneputzen ist nicht die erfrischende Geschmacksverbesserung, sondern die möglichst weitgehende Reduzierung krankmachender Keime im Mund.

Nach dem Essen Zähneputzen nicht vergessen? Ja, aber im Übereifer machen auch viele Erwachsene Fehler. Unmittelbar nach dem Verzehr von zucker- und säurehältigen Nahrungsmitteln ist der Zahnschmelz angegriffen. Zahnbürste und Zahnpaste wirken darauf wie Schleifmaschinen. „Wer eine Zitronenscheibe kaut und sich gleich darauf die Zähne putzt, hat bei täglicher Wiederholung dieses Rituals garantiert nach einem Jahr keinen Zahnschmelz mehr“, versichert OMR Dr. Schrangl augenzwinkernd. Nach dem letzten Fruchtjoghurt sollte der Speichel also eine halbe Stunde Zeit haben, die Säuren zu neutralisieren, dann macht das Putzen Sinn. Auf den Zahnflächen bildet sich nämlich beim Essen und Trinken ein sogenannter Biofilm, eine hauchdünne Schicht aus Bakterien, Speiseresten und Säuren. Innerhalb von ein, spätestens zwei putzfreien Tagen würde sie zu Plaque verhärten und sich zu zerstörerischem Zahnstein aufbauen, der die schützende Schleimhaut vom Zahnhals verdrängt.

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Wer einmal bleicht ...

Blütenweiße Zähne sind nicht jedem in die Wiege gelegt, mit zunehmendem Alter neigen sie zur Vergilbung. Unter dünner gewordenem Zahnschmelz schimmert die darunterliegende gelbliche Dentinmasse durch, und viele Nahrungs- und Genussmittel wie Nikotin, Tee, Kaffee und Rotwein hinterlassen Verfärbungen. Da erscheint das Bleichen der Zähne als bequemer kosmetischer Trick, vor dem der Linzer Zahnmediziner jedoch warnt. „Unkontrolliertes chemisches Bleichen verursacht eine noch rauere Zahnoberfläche, die sich noch schneller wieder verfärbt. Wer einmal damit anfängt, muss es immer wieder tun, um denselben Effekt zu erreichen. Das ruiniert den Zahnschmelz unweigerlich und bereits empfindliche Zahnhälse werden noch reizbarer – daher immer vorher mit dem Zahnarzt besprechen.“ Zahnpasten mit hohem Schleifmittelanteil, sogenannte Aufheller, sind nur für sporadischen Gebrauch geeignet.Oberflächliche Zahnverunreinigungen kann der Zahnarzt wegpolieren. Sogenannte Veneers, das sind hauchdünne, aufklebbare Keramikschalen, ähnlich künstlichen Fingernägeln, bringen ein dauerhaftes Ergebnis. Die Methode der Wahl ist aber die professionelle Zahnreinigung, die nach penibler Säuberung auch eventueller Zahnfleischtaschen die Oberflächen sanft poliert und mit einer mineralisierenden Versieglung abschließt.

Ziel jeder zahnärztlichen Betreuung ist grundsätzlich der Zahnerhalt. Das gilt sogar für die Weisheitszähne, solange sie ihrem schlechten Ruf nicht gerecht werden. Sie kommen spät, finden wenig Platz, neigen zu Entzündungen und Zahnfleischtaschen. Ihr Sitz im Kieferwinkel erschwert sogar das Entfernen.

Zahnlücken im bleibenden Gebiss stören nicht nur die Eitelkeit, sondern können über Jahre zur Lockerung benachbarter Zahngruppen führen. Eine immer beliebtere, wenngleich weitgehend privat zu finanzierende Luxuslösung sind festsitzende Implantate in verschiedenen Ausführungen – die zweitbeste Variante nach den eigenen Zähnen,  versichert OMR Dr. Schrangl. 

Kranke Zähne gelten als Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rheuma und Allergien und werden angeblich umgekehrt durch erkrankte Organe geschädigt. Auch Wurzelbehandlungen sind demnach umstritten.„Wurzelbehandlungen sind sicher das äußerste Mittel zur Zahnerhaltung und können oft 30, 40 Jahre problemlos im Mund bleiben, aber nach der Herderkrankungstheorie beschäftigt so ein Zahn das Immunsystem“, weiß OMR Dr. Schrangl. „Die Schulmedizin vermisst allerdings noch wissenschaftliche Beweise für solche Behauptungen.“

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Weniger Zähne

Seit der Mensch sich als Zweibeiner bewegt, hat er 32 Zähne. Allerdings ist der untere Gesichtsschädel zugunsten des Stirnschädels im Laufe der Menschheitsgeschichte gschrumpft. Auch der moderne Mensch ist noch mitten in der Evolution. Seine Zähne werden immer kleiner und in ein paar Jahrtausenden werden sich unsere Nachfahren mit nur 28 Zähnen begnügen – nämlich ohne Weisheitszähne, ganz ohne Zähneknirschen.

 

Klaus Stecher

September 2018


Bilder: shutterstock; mauritius; privat

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Kommentar

OMR Dr. Hans Schrangl „Die beste Zahnfüllung ist gar keine Füllung – nichts ist so gut wie die eigenen Zähne.“

OMR Dr. Hans Schrangl

Facharzt für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Linz


Zuletzt aktualisiert am 10. September 2018