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Blaue Tabletten

Antidepressiva

Der Einsatz von Antidepressiva ist Teil einer Therapie bei Depressionen. Bei Dosierung und dem Absetzen des Medikaments sollte man bestimmte Regeln beachten, um Nebenwirkungen und Beschwerden zu vermeiden.

Bei einer Depression herrscht im Gehirn ein Mangel der Botenstoffe Serotonin, Noradrenalin und Dopamin. Der Mangel tritt im Bereich der Synapsen (Kontaktstelle zwischen Nervenstellen) auf und kann durch Medikamente ausgeglichen werden. „Es stehen viele verschiedene Antidepressiva zur Verfügung, womit sich Depressionen meist gut behandeln lassen“, sagt Primaria Dr. Johanna Winkler, Vorstand der Klinik für Psychiatrie 2 am Kepler Universitätsklinikum Linz. 

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Anwendungsgebiete

Rund sieben Prozent aller Österreicher werden im Laufe eines Jahres depressiv, Frauen häufiger als Männer. Jeder fünfte Österreicher leidet zumindest einmal im Leben an Depressionen. Diese Zahl betrifft bloß die erfassten Menschen, die Dunkelziffer dürfte noch höher sein. Dementsprechend häufig kommen auch Antidepressiva zum Einsatz. „Zu häufig werden die Medikamente weder verordnet noch eingenommen. Patienten sind immer noch skeptisch und probieren vorher alles Mögliche aus, bevor sie Antidepressiva nehmen. Männer flüchten häufig in Alkohol, der ihre Probleme eine Zeit lang zudecken kann, letztendlich die Depression jedoch verstärkt. Zum Arzt gehen sie oft erst, wenn es nicht mehr anders geht“, sagt Prim. Winkler.

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Antidepressiva werden in folgenden Bereichen eingesetzt:

  • Mittelschwere und schwere Depressionen: Hier ist die Gabe von Antidepressiva Standard. Bei leichten Depressionen ist der Einsatz zwar möglich, meist aber nicht nötig.
  • Angststörungen: Angstpatienten mit intensiver Panikneigung werden durch die Einnahme von Antidepressiva handlungsfähiger und profitieren von einem angst- und spannungslösenden Effekt.

  • Chronische Schmerzen: Antidepressiva werden bei chronischen Schmerzen vielfach angewandt, ohne dass dafür eine Depression vorliegen müsste (da sie schmerzlindernd und schlaffördernd wirken und die Psyche stärken). Die Dosierung ist niedriger als bei Depressionen.  

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Wirkung und Nebenwirkung

Bis zur vollen Wirksamkeit können zwei bis sechs Wochen vergehen. Mögliche Nebenwirkungen (zum Beispiel Mundtrockenheit, Benommenheit) zeigen sich dagegen oft sofort, lassen aber meist nach einigen Tagen oder Wochen nach oder verschwinden ganz. Nebenwirkungen wie Schwitzen und Unruhe zeigen sich vor allem bei sensiblen, ängstlichen Patienten.

Man sollte mit Antidepressiva nicht selbstständig experimentieren und diese genau nach ärztlicher Absprache einnehmen. Will man ein Antidepressivum absetzen, die Dosis erhöhen oder ein anderes Präparat versuchen, sollte man mit seinem behandelnden Arzt darüber sprechen. „Ist man richtig eingestellt, gibt es kaum oder gar keine Nebenwirkungen. Wäre es anders, würden die Patienten die Tabletten schnell wieder absetzen“, sagt die Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie.

Achtung! Antidepressiva und MAO-Hemmer (diese werden bei Depressionen und Parkinson eingesetzt) nicht gleichzeitig einnehmen. Man sollte MAO-Hemmer mindestens eine Woche vorher absetzen, bevor man Antidepressiva mit Serotoninwirkung einnimmt. 

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Dauer der Einnahme

Mindestens ein halbes bis ein dreiviertel Jahr sollte die Einnahme dauern. „Man kann sie auch einige Jahre einnehmen. Dabei gibt es kein Problem, sie machen nicht abhängig“, sagt Dr. Winkler.

Während es bei einem Teil der Betroffenen bei einer einmaligen Depression bleibt, kommt es bei bestimmten Gruppen vermehrt zu wiederholten Depressionen (z.B. bei Vorliegen einer schweren Depression, bei Menschen, die bereits in der Kindheit oder Jugend betroffen waren, bei Patienten mit Angsterkrankungen, bei Depressionen mit Selbstmordgedanken, bei erblich vorbelasteten Personen). 

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Dosierung

Kehren depressive Episoden wieder, kann und soll die Dosierung auch verändert, optimiert werden. „Erfahrene Patienten bekommen dafür im Laufe der Zeit ein gutes Gefühl und dosieren nach Absprache mit dem Arzt bei Bedarf auch neu“, sagt Prim. Winkler.

Antidepressiva interagieren mit anderen Medikamenten. So kann es passieren, dass deren Abbau-Wege im Körper (Leber, Niere) konkurrieren. Das bedeutet, dass der Spiegel im Blut ansteigen kann, weil der Körper vorrangig andere Medikamente abbaut und die Antidepressiva länger als vorgesehen im Körper bleiben.

Überdosierung vermeiden: Im Falle einer Überdosierung kann es zu einem Serotoninsyndrom kommen. Das bedeutet, dass man zu viel Serotonin im Körper hat. „Überdosierungen entstehen meistens durch Kombinationen von Medikamenten, welche über Serotonin wirken. Ein Serotoninsyndrom tritt selten auf. In seiner stärksten Ausprägung, die äußerst selten auftritt, ist es lebensbedrohlich, erkennbar an Fieber, Zittern und Verwirrtheitszuständen“, so Dr. Winkler.

Achtung! Rauchen senkt die Wirkung bestimmter Antidepressiva, da es deren Abbau beschleunigt. Auf Alkohol sollte weitgehend verzichtet werden, da er die Wirkung der Medikamente verstärken oder vermindern kann. Grapefruitsaft kann in den Stoffwechsel der Medikamente eingreifen. 

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Spiegelbestimmung

Eine Blutuntersuchung, bei der im Serum des Blutes die verfügbare Konzentration des eingenommenen Antidepressivums angezeigt wird, zeigt, ob jemand die eingenommenen Botenstoffe rasch oder langsam verstoffwechselt. „Dieser Test verrät dem Arzt, ob der Patient eine höhere oder geringere Dosierung benötigt. Eine Spiegelbestimmung macht Sinn, wenn die erwünschte Wirkung nicht eintritt, wenn Nebenwirkungen auftreten oder wenn die Wirkung nachlässt“, sagt Dr. Winkler. 

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Langsames Absetzen

Antidepressiva erzeugen keine Abhängigkeit. Will man die Einnahme beenden, muss man die Tabletten langsam absetzen („ausschleichen“). Wer langsam absetzt, hat keine Probleme zu befürchten. Setzt man sie dagegen abrupt ab, können Beschwerden (Absetzphänomene) auftreten, ähnlich wie bei einem Rückfall in eine Depression (zum Beispiel Schwitzen, Schwindel, gedrücktes Gefühl, Abgeschlagenheit und elektrisierende Gefühle).

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Antidepressiva als Teil der Therapie

Medikamente sollten nie alleiniges Mittel der Therapie sein, sondern nur ein Baustein. Die weiteren Bausteine sind: Psychotherapie und Analyse samt Reduktion der Belastungen, es sollte daher die Lebenssituationen verbessert werden (zum Beispiel eine katastrophale Beziehung beendet oder die ungeliebte Arbeitsstelle gewechselt werden). Je mehr Belastungen wegfallen, desto weniger Antidepressiva sind nötig, damit es einem gutgeht.

Im Fall einer schweren Depression benötigt man als ersten Schritt die Einnahme von Antidepressiva, um in einem nächsten Schritt etwas in seinem Leben ändern zu können. Dr. Winkler: „Erscheint alles hoffnungslos, ist man auch nicht fähig zu einer Änderung. Man sollte in einer Depression keine wesentlichen Entscheidungen treffen, weil man viel zu negativ sieht und die Entscheidungen dann oft nicht gut sind.“

Fast jedem Depressiven in Behandlung wird Psychotherapie angeboten. „Die meisten nehmen sie gerne an. Auch Männer. Das war nicht immer so. Noch vor 15 Jahren wollte kaum ein Mann psychotherapeutische Hilfe, das hat sich massiv geändert. „Viele Betroffene erkennen heute eine Krise als Chance, um ihr Leben langfristig zu ändern“, sagt Prim. Winkler.

 

Dr. Thomas Hartl

März 2018

 

Bild: shutterstock

‌ Zuletzt aktualisiert am 12. März 2018